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Brandfolgen Russland: Waldbrände führen zu Disput mit Freiburger Forschern

18August 2010

published by www.bz-online.de


Die verheerenden Brände überfordern den russischen Staat. Wohl deshalb treibt Präsident Dmitri Medwedew neuerdings Geld bei den Reichen seines Landes ein. Zudem gibt es Zwist mit Freiburger Feuerforschern.

Löscharbeiten bei Moskau Foto: dpa

 

MOSKAU/FREIBURG. Die verheerenden Brände überfordern den russischen Staat. Wohl deshalb treibt Präsident Dmitri Medwedew neuerdings Geld bei den Reichen seines Landes ein. Wegen des Ausmaßes der Katastrophe und der “Einstellung, die die Gesellschaft dazu entwickelt hat”, so Medwedew dieser Tage, müsse man über Möglichkeiten der Beteiligung an der Überwindung der Folgen reden. Russlands sogenannte goldene Horde, eine Gruppe Superreicher, die der Kremlchef eigens in seine Schwarzmeer-Residenz gebeten hatte, verstand sofort und zückte die Scheckbücher.

 

Der Baulöwe und Aluminiumkönig Oleg Deripaska spendete für den Bau von 50 neuen Häusern für die Brandopfer den relativ bescheidenen Betrag von 20 Millionen Rubel (500 000 Euro). Russlands einst reichsten Mann hat die Wirtschaftskrise arg gebeutelt. Kollege Wladimir Potanin dagegen – ihm gehört die Mehrheit an Norilsk-Nickel, dem weltweit größten Buntmetallkonzern – übernahm gleich die Patenschaft für einen ganzen Landkreis im Twer bei Moskau. Dort sollen die entwässerten Torfbrüche renaturiert werden. Die russische Wirtschaft, so Potanin, müsse für die Katastrophengebiete eine komplexe Strategie entwickeln. Mit anderen Worten: Nicht kleckern, sondern klotzen.

 

So sehen das offenbar auch die Chefs staatlicher Behörden und Unternehmen in Russisch-Fernost, wo es ebenfalls lichterloh brennt. Zumal sie damit bei ihren Vorgesetzten punkten können. Die Zeche zahlen allerdings ihre Untergebenen, denen ein Solidaritätszuschlag einfach vom Gehalt abgezogen wird: 2500 Rubel (rund 65 Euro) wie das Massenblatt Komsomolskaja Prawda schreibt. Kollegen aus der Privatwirtschaft müssen zugunsten der Brandopfer auf Prämien und Zuschläge verzichten. Dabei, so das Blatt, gehe es um Beträge von bis zu 5000 Rubel (128 Euro). Wer sich weigert, fliegt. Betroffenen riet ein Anwalt in Wladiwostok daher bereits, die Büros ihrer Bosse nicht mehr ohne Diktiergerät zu betreten. Er bearbeite schon etliche Klagen wegen Kompetenzüberschreitung.

 

Kreml und Regierung hüllen sich zu dem Skandal bisher in Schweigen. Umso heftiger drosch das staatliche Forstinstitut im sibirischen Krasnojarsk auf die Arbeitsgruppe Feuerökologie der Max-Planck-Gesellschaft für Chemie in Freiburg ein, die weltweit Waldbrände dokumentiert. Die Forscher hatten errechnet, dass am vergangenen Freitag in Russland 15,7 Millionen Hektar Wald brannten. Das wären neunzehn Mal mehr gewesen als die Statistik des russischen Ministeriums für Katastrophenschutz für den gleichen Tag auswies. Dabei nutzen die Sibirier und die Freiburger den gleichen russischen Server, weil sie dort direkten Zugriff auf die von Wettersatelliten übermittelten Daten haben.

 

Dass beide zu solch unterschiedlichen Ergebnissen kamen, erklärte Institutsdirektor Anatoli Suchinin bei Radio Liberty mit technischen Problemen. Johann Goldammer, sein Partner in Freiburg, bestätigte dies zwar am Dienstag der Badischen Zeitung. Durch Verwendung eines falschen Algorithmus habe es eine “Überbewertung” gegeben, den Fehler habe man sofort korrigiert. Dennoch brennen Goldammer zufolge fast zehn Millionen Hektar. Dies sind immer noch zehn Mal mehr, als die russische Statistik ausweist.

 

Kommentar des GFMC:

 

Stellungnahme mit dem Leiter des GFMC (Prof. Dr. Johann G. Goldammer) zu diesem Artikel:

 

Der Beitrag von Frau Windisch bezieht sich auf “Dritte” Quellen. Sie hat wohl gestern Nachmittag (nach der Intervention der Badischen Zeitung – siehe weiter unten) ein Telefongespräch mit dem GFMC geführt, und auch auf ihre Quellen (nämlich einen Bericht von Radio Liberty / Free Europe) verwiesen. Dieser Bericht von Radio Liberty wurde allerdings vor der Publikation mit den Interviewpartnern (in Russland und GFMC) NICHT abgestimmt, enthält einige Unklarheiten bzw. Halbwahrheiten, ist aber letztendlich nicht sehr “problematisch”, was mögliche negative Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen der russischen Regierung und staatlichen bzw. nichtstaatlichen russischen und internationalen Einrichtungen anbelangt.

 

Wenn aber in der BZ und möglicherweise sonst wo in Deutschland von der Korrespondentin folgendes geschrieben wird:

 

“Umso heftiger drosch das staatliche Forstinstitut im sibirischen Krasnojarsk auf die Arbeitsgruppe Feuerökologie der Max-Planck-Gesellschaft für Chemie in Freiburg ein, die weltweit Waldbrände dokumentiert. Die Forscher hatten errechnet, dass am vergangenen Freitag in Russland 15,7 Millionen Hektar Wald brannten“,

 

dann stimmt davon nichts. Im Gegenteil: Die Kollegen in Russland mussten uns eingestehen, dass deren Daten, die nicht wir, sondern die Kollegen in Krasnojarsk errechnen, einen Fehler aufweisen. Aber wir dreschen umgekehrt nicht auf unsere Kollegen ein, sondern haben am 16. August erstmals auf unserer Website sachlich dargestellt, dass die Daten aus Krasnojarsk mit Fehlern behaftet sind – das kann man täglich auf der Website des GFMC nachlesen, beginnen mit dem 16.8.2010:

 

https://gfmc.online/current/globalfire.htm (linke Hälfte der Seite)

 

Deswegen gibt es auch keine “unterschiedlichen Ergebnisse“.

 

Und ich habe auch nicht gesagt “Dennoch brennen Goldammer zufolge fast zehn Millionen Hektar“. Ich habe der Korrespondentin gesagt, das es in diesem Jahr in Russland auf insgesamt etwa 10 Millionen ha gebrannt hat (seit dem Beginn der Feuersaison im Frühjahr). Das ist im Rahmen der Debatte um die Größenordnung der derzeit brennenden Feuer ein gewaltiger Unterschied.

 

Etwas befremdet sind wir von den Usancen von Reportern, die Medien wie folgt zu bedienen:

 

„Dass beide dennoch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, erklärte Suchinin bei Radio Liberty mit technischen Problemen, Johann Goldammer, sein Partner in Freiburg, bestätigte dies zwar gestern gegenüber (bitte Namen des Blattes einsetzen).“

 

Hier setzt also jede beliebige Zeitung ihren Namen ein und erweckt den Eindruck, dass ich mit der Zeitung gesprochen hätte? Das ist unlauter und eine Täuschung der Öffentlichkeit.

 

Nun hat ein Redakteur der Badischen Zeitung tatsächlich gestern (17.8.10) bei mir angerufen und mir einen früheren Text der Moskau-Korrespondentin am Telefon vorgelesen. Darin stand (sinngemäß – ich habe das nur vom Telefongespräch in Erinnerung): „Goldammer sagt, dass diese Einrichtung in Krasnojarsk unter dem Druck der Regierung stünde und daher die Meldung eines Rechenfehlers eingeräumt oder vorgeschoben wurde“ (wie gesagt, sinngemäß zitiert).

 

Durch das schnelle Eingreifen des Redakteurs der BZ konnte zumindest diese erste Meldung verhindert werden. Insgesamt wäre es besser gewesen, wenn die Korrespondentin uns den ganzen Beitrag zum Querlesen gegeben hätte, bevor er an die Presse geht. Nicht wegen eines Versuchs der „Zensur“, sondern eben um genau das zu vermeiden, was jetzt an falschen Eindrücken über unsere Arbeitsbeziehungen zu Russland in die Öffentlichkeit gesetzt wurde. Der Artikel ist Effekthascherei, unlauter und unsauber. Und kann unsere Arbeitsbeziehungen nach Russland erheblich gefährden.

 

Danke an die BZ, die noch schlimmeres verhindert hat.

 

Freiburg, den 18. August 2010

Prof. Dr. Johann Georg Goldammer

 


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