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“Waldplantagensind Zeitbomben”

 

BZ-INTERVIEWmit dem Feuerökologen Johann G. Goldammer


BZ: Herr Professor Goldammer, Hitze und Trockenheit allein können für die schweren Waldbrände nicht verantwortlich sein. Denn heiß ist es ja auch hier.
Goldammer: Die eigentliche Ursache ist sozioökonomischer Natur, nicht nur in Portugal, im ganzen europäischen Mittelmeerraum. Seit zwei bis drei Jahrzehnten entleert sich der ländliche Raum. Die jungen Menschen fliehen in die Städte, die Dörfer vergreisen. Als Folge davon wird die Vegetation nicht mehr so intensiv genutzt. Das heißt, Land- und Weidewirtschaft gehen zurück. Wo einst Äcker und Weiden waren, machen sich jetzt Busch, Wald und Unterholz breit. Und das Brennholz in den Wäldern, das früher gesammelt oder geschlagen wurde, um zu kochen und zu heizen, bleibt auch liegen. All dies ist Futter für Waldbrände in großem Ausmaß.
BZ: Welche Möglichkeiten der Vorbeugung gibt es?
Goldammer: Dies ist auch eine politische Entscheidung: Nehmen wir die Brände mit all ihren Folgeschäden einfach so hin – oder sind wir bereit, Geld auszugeben und die ländlichen Betriebe zu unterstützen, sodass sie das Land weiter bewirtschaften können? In dieser Frage ist auch die EU gefordert.
BZ: Was bedeutet Vorbeugung praktisch?
Goldammer: Man muss Puffer in den Wäldern schaffen, zwischen jenen Problemzonen, in denen sich viel brennbares Material angehäuft hat. Ich denke da nicht an Feuerschneisen, wo alles abgeholzt ist, sondern an Brandbarrieren von 300 bis 400 Meter Breite, die intensiv landwirtschaftlich genutzt werden. Da läuft sich dann das Feuer tot oder kann besser bekämpft werden.
BZ: Welche Rolle spielen Waldplantagen bei den Bränden?
Goldammer: Eine ganz entscheidende. Gerade in Portugal gibt es Aufforstungen mit Kiefern oder Pinien und Eukalyptusbäumen, die leicht brennbares ätherisches Öl enthalten. Die Plantagen sind Zeitbomben, wenn sie nicht richtig bewirtschaftet werden. Das heißt, wenn sich das Interesse nur auf das ökonomisch verwertbare Stammholz konzentriert, das Unterholz, die Zweige, Nadeln und Blätter aber liegen bleiben. Das Risiko, dass diese Wälder in einem kaum oder nur schwer kontrollierbaren Feuer untergehen, ist groß.
BZ: Wie ist der Zustand der Wälder in Deutschland?
Goldammer: Im Vergleich zum Mittelmeerraum natürlich sehr viel besser. Aber auch bei uns liegt mehr gefährliches Brennmaterial herum als früher. Die Aufarbeitung von Kleinholz ist in Anbetracht der hohen Löhne viel zu teuer. Aber es tut sich etwas. Biomasse als Energielieferant wird immer wichtiger. Ich denke da zum Beispiel an Heizungen mit Holzpellets. Das wäre eine Alternative gerade für unsere Region, in der ja Windkraftanlagen sehr umstritten sind.
BZ: Sind die hiesigen Feuerwehren für größere Waldbrände gewappnet?
Goldammer: Da kommt es sehr auf das Geschick der Katastrophenleitstellen und Behörden an, ob es ihnen gelingt, die vorhandenen Kräfte zu bündeln und an die Brandherde heranzubringen. Aber wir dürfen eines nicht vergessen: Unsere Feuerwehr ist für Brände in Häusern oder Chemieanlagen sehr gut ausgerüstet und trainiert. Bei Waldbränden gilt das nur begrenzt. Die durchschnittliche Größe von Waldbränden, mit denen wir es hier erfahrungsgemäß zu tun haben, liegt unter einem halben Hektar. Bei großen Bränden mit intensiven Feuern – und die sind nach der langen Trockenheit nicht ausgeschlossen – kommen wir ganz knallhart an die Grenzen.
BZ: Wie gravierend sind die ökologischen Folgen der Feuer, die wir derzeit erleben?
Goldammer: Zunächst einmal muss man sagen: Feuer ist ein Teil der Natur, wir leben auf einem Feuerplaneten. Unter Klimagesichtspunkten ist die entscheidende Frage, was an die Stelle der abgebrannten Wälder tritt. Problematisch wird es in jedem Fall, wenn dort später zum Beispiel nur noch Gras wächst. Gras bindet sehr viel weniger Kohlendioxid als Wald. Dann wird unter dem Strich die Atmosphäre belastet.


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