Zieht nach Norden!

Zieht nach Norden!

6 February 2009

published by www.wissenschaft-online.de


Australia — Täter und Opfer – Australien ist beides: Der Fünfte Kontinent produziert pro Kopf eine der größten Kohlendioxidmengen der Erde, und er leidet mit am stärksten unter den Folgen des Klimawandels. Heizt sich das Land weiter auf und wird noch trockener, müssten seine Bewohner eines Tages vielleicht sogar die Flucht ergreifen – in den feuchteren Norden.

Noch hat der Winter Europa im Griff. Auf der anderen Seite der Erdkugel aber herrscht Sommer – und er fällt in diesem Jahr heißer aus als gewöhnlich: 44 Grad Celsius verwandeln Melbourne in einen Glutofen, Adelaide schmort gar bei 45 Grad Celsius. Die schlimmste Hitzewelle im Süden Australiens hat bisher bereits mehr als 30 Todesopfer gefordert.

Zum australischen Sommer gehören zudem seit Jahrtausenden zahlreiche Waldbrände, an die sich die australische Flora und Fauna wie auch die Aborigines hervorragend angepasst haben: Die Ureinwohner haben zum Beispiel die Kunst der kontrollierten Waldbrände entwickelt, durch die sie die verheerende Wirkung der wilden Feuer eindämmen können. Und die Eukalyptusbäume gehören sogar zu jenen Pflanzen, die für ihre Reproduktion die Hitze der Feuersbrünste benötigen. Australien ist der durchschnittlich trockenste Kontinent der Erde und ist schon lange ein Glutofen, australische Wissenschaftler warnen nun aber, dass in den kommenden Jahrzehnten besonders der Landessüden in der Folge des weltweiten Klimawandels immer noch heißer werden wird. Und das wiederum erhöht die Waldbrandgefahr dramatisch.

Eine jüngst von einem internationalen Wissenschaftlerkonsortium veröffentlichten neue Klimakarte der Erdoberfläche bestärkt Vorhersagen, dass der Norden Australiens feuchter und der Süden trockener werden könnte. Das legen zumindest Untersuchungen von fossilem Plankton vom Meeresgrund sowie chemische Analyse der Sedimente selbst nahe, die die Klimageschichte der letzten 20 000 Jahre nachzeichnen.

Was das für Australien bedeutet, weiß Tim Burrows von der Australian National University in Canberra, der in dem Konsortium für die australische Forschung zuständig war: “Eines unserer wichtigsten Resultate war, dass die mittleren Breiten unseres Kontinents – Canberra, Perth, Adelaide, Melbourne und Sydney – sehr sensibel auf Klimaveränderungen reagieren.Wir erwarten das gleiche Muster bei einer zukünftigen globalen Erwärmung. Die gemäßigten Breiten verändern sich am stärksten und die tropischen am wenigsten.”

Zwei Empfehlungen leitet Burrows aus der Studie ab. Die wissenschaftliche lautet: durch die intensive Erforschung von Klimaveränderungen der Vergangenheit Lehren für Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Die etwas saloppe praktische Empfehlung an seine Landsleute: “Geht nach Norden.” In Australiens Tropenmetropole Darwin sind Temperaturen von über 30 Grad Celsius normal, und es fallen ein, zwei Grad mehr durch die Klimaveränderung nicht so sehr ins Gewicht – zumal die häufigen tropischen Wolken Schatten spenden und lebenswichtigen Regen bringen.

In Melbourne, Adelaide und vor allem in Australiens Hauptstadt Canberra, die durch ihre Lage im Landesinneren keine Kühlung durch Seewinde erfährt, wird es dagegen noch heißer werden. Eine Temperatursteigerung von zwei Grad könnte die Zahl der Tage mit Temperaturen von über 35 Grad Celsius verdreifachen. Experten von der Australian Commonwealth Scientific and Research Organization (CSIRO) gehen davon aus, dass der Süden Australiens die Hälfte des für die menschlichen Gesundheit gefährlichen Temperaturanstiegs bereits innerhalb der nächsten 20 Jahre erreich.

Heißere Zeiten bedeuten ebenso mehr Buschfeuer. “Wir brauchen nur auf die Waldbrände der letzten Jahre zu schauen, um zu begreifen, dass der Klimawandel die Häufigkeit, die Intensität und die Größe von Waldbränden in den kommenden Jahrzehnten anwachsen lässt”, sagt Gary Morgan des Bushfire Cooperative Research Centre (CRC). Die Buschfeuer aber tragen ihrerseits maßgeblich zum Kohlendioxidausstoß Australiens bei. Ein schweres Buschfeuer, so das Forschungszentrum, setze 30 Millionen Tonnen CO2 frei und in einem “schlimmen” Waldbrandjahr würden diese Brandemissionen die durch die Industrie verursachten insgesamt übertreffen. “Das ist viel, viel mehr als wir jemals durch das Pflanzen von Bäumen oder der Sequestrierung von Kohlenstoff kompensieren können”, warnt Mark Adams von der Universität Sydney und Wissenschaftler des Bushfire CRC.

Die Wissenschaftler ziehen daraus zwei Konsequenzen: Eine radikale Klimapolitik ist vonnöten, und Kohlenstoffemissionen durch Waldbrände müssen in ein Post-Kyoto-Klimabkommen einbezogen werden. “Das nicht zu tun, bedeutet die größte Bedrohung des weltweiten atmosphärischen CO2-Gehalts zu ignorieren”, betont Adams. Entscheidungen, um wie viel die Emissionen reduziert werden müssten und wie Klimabilanzen erstellt werden, orientieren sich jedoch mehr nach nationalen Politik- und Wirtschaftsinteressen denn an wissenschaftlichen Fakten. Das haben Klimakonferenzen von Bali im Dezember 2007 sowie im polnischen Posen 2008 deutlich gezeigt. Zudem gibt es weiterhin heftige Diskussionen, ob und wie Wälder als Kohlenstoffsenken in die Klimabilanzen von Ländern einzubeziehen sind.

Wissenschaftler und Umweltschützer in Australien sind deshalb enttäuscht über die halbherzige Klimapolitik von Ministerpräsident Kevin Rudd. Der Labour-Politiker hatte sein Wahlsieg im November 2007 nicht zuletzt dem großen Unmut der Australier über die Klimapolitik seines Vorgängers John Howard zu verdanken, der auch in Klima- und Umweltfragen ein getreuer Gefolgsmann von Ex-US-Präsident George Bush war.

Don Henry, Präsident der Umweltorganisation Australian Conservation Foundation (AFC) sagt: “Wenn die bescheidene Zielgröße der australischen Regierung zur Reduzierung der Kohlenstoffemissionen zwischen 5 und 15 Prozent bis 2020 international übernommen wird, dann werden wir mehr Hitzewellen erleben, das Murray Darling Basin – Australiens größtes Flussnetz und wichtigste landwirtschaftliche Region – wird austrocknen, und in den Australischen Alpen wird es keinen Schnee mehr geben.”

Die ACF fordert eine Reduzierung der nationalen Kohlendioxidfreisetzung von “mindestens einem Drittel” bis 2020. Henry betont: “Wir können das Wetter dieser Woche nicht ändern. Aber wir haben es in der Hand, das Klima zu formen, das unsere Kinder erleben werden.” Damit diese nicht eines Tages in den Norden fliehen müssen.


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