“Das Problem ist der Mensch”

“Das Problem ist der Mensch”

10. Februar 2009

veröffentlicht vonwww.zeit.de


Buschbrände sind nichts Ungewöhnliches. Doch der Mensch hat sie zur unkontrollierbaren Bedrohung gemacht. Ein Gespräch mit dem Waldbrandexperten Johann Goldammer

ZEIT ONLINE : Herr Goldammer, der Südosten Australiens steht in Flammen. Die Brände haben seit dem Wochenende so viele Menschenleben gefordert, wie keine anderen Brände zuvor in der jüngeren Geschichte des Kontinents. Wer oder was ist schuld an dieser Katastrophe?

Johann Goldammer : Mehrere Dinge sind hierbei entscheidend. Zum einen ist das Land derzeit extrem brennbereit. Seit Monaten herrschen im Südosten Australiens eine hohe Trockenheit und Temperaturen teilweise bis über 40 Grad Celsius. Da genügen Blitzschläge, um einen Brand zu entfachen. Zum anderen ist Brandstiftung seit Jahren ein riesiges Problem. Immer wieder stecken Menschen mit krimineller Energie vorsätzlich Wälder, Busch- und Grasland an.

ZEIT ONLINE : Es sieht so aus, als seien die Brände weitaus verheerender als sonst. Wieso?

Goldammer : Solche Brände sind zunächst nichts Ungewöhnliches. Wie auch in den USA und weiteren Ländern erleben wir sie jedes Jahr aufs Neue. Das Problem ist auch nicht, dass der Busch brennt. Das passiert seit Millionen von Jahren und ist ganz natürlich. Aufgrund der Klimaveränderungen nehmen die Feuer zu und wir sehen sie zunehmend über das ganze Jahr verteilt. Das eigentliche Problem liegt darin, dass der Mensch im Busch siedelt. Die Leute ziehen aus den Großstädten raus aufs Land und bauen sich dort Holzhäuser. Das ist ein regelrechter Trend geworden. Sie richten sich einen schönen grünen Vorgarten ein, mit Bäumen und Büschen, die Schatten spenden. Sie denken aber nicht darüber nach, wie unglaublich gefährlich dieses idyllische Grün werden kann.

ZEIT ONLINE : Warum?

Goldammer : Das Ganze ist in trockenen Zeiten sehr rasch entflammbar und heizt die Brände zusätzlich an. Die Ausbreitung der Feuer wird besonders über den Funkenflug getrieben. Durch den Wind werden glühende Borkenreste kilometerweit getragen. Regnen diese auf die Holzdächer und die ausgetrockneten Vorgärten, steht schnell alles in Flammen. Solche Brände geraten schnell außer Kontrolle. Selbst die größten Wasserbomber reichen da nicht mehr aus.

ZEIT ONLINE : Angesichts der Brände, die in Australien jährlich wüten, verwundert es, dass immer noch so viele Häuser dort so leicht entflammbar sind.

Goldammer : Die Diskussion, wie man sich besser auf Brände vorbereiten kann, ist da, aber ich sehe die Ergebnisse nicht. In Kalifornien ist man jetzt auf dem Vormarsch. Auch in Südfrankreich gibt es Vorschriften, welche Pflanzen und Vegetation unbedingt aus Vorgärten und Umgebung entfernt werden sollten. In Australien gilt da eher eine Philosophie, die dem Bürger sagt: “Lass Dich nicht reglementieren.” Jetzt sehen wir aber, dass dies lebensgefährlich werden kann. Die Einsicht scheint zu keimen, dass es so nicht gehen kann.

ZEIT ONLINE : Im Fernsehen sehen wir, wie die Leute versuchen, ihr Hab und Gut zu retten. Wieso sind diese Menschen überhaupt noch dort, wenn sich vor ihnen das Feuer auftürmt?

Goldammer : In Australien gilt der Grundsatz, dass Häuser und Ortschaften gegen die Flammen verteidigt werden. Die Frage, ob man evakuiert oder nicht, wurde bislang kaum gestellt. Die Frage bei solchen Bränden ist, was man noch verteidigen kann. Diese Megafire sind allerdings Brände, die nicht mehr beherrschbar sind. Länder wie Australien sind in Sachen Brandkatastrophen hochgerüstet mit Technik, Warnsystemen und Know-How und müssen dennoch kapitulieren. Die Vegetation brennt wie Zunder und wird durch in Flammen stehende Wohngegenden weiter angeheizt. Das hat man im vergangenen Herbst auch in Kalifornien beobachten können. Nach den vielen Todesopfern wird die Debatte aber sicher nicht lange auf sich warten lassen, ob in Zukunft nicht doch vorzeitig evakuiert werden sollte.

ZEIT ONLINE : Welche Auswirkungen haben die Brände auf Natur und Umwelt?

Goldammer : Das Katastrophale an einem Megafire ist, dass die Hitze Wälder und Grasland bis ins Wurzelwerk verbrennen. Nach dem Feuer kommt es zu erheblichen Schäden. Wenn es anfängt zu regnen wird der ausgebrannte Boden fortgespült. Es kommt zu Landrutschungen und Schlammlawinen. Das ist bei den vergangenen Bränden an der nordamerikanischen Westküste geschehen. Fruchtbarer Boden wird zerstört und löst eine fatale Entwicklung aus, die auch durch den Einfluss starker Winde zur Wüstenbildung ganzer Regionen beiträgt. Schließlich fehlen Pflanzen, die Kohlenstoff binden. So kann auch die Atmosphäre nicht mehr von Treibhausgasen entlastet werden.

ZEIT ONLINE : Wie lassen sich derartige Feuer verhindern?

Goldammer : Es braucht ein vernünftiges Feuermanagement. Das schließt nicht nur die Verhütung und Bekämpfung der Brände ein, sondern auch ihre Nutzung. Schließlich gehört das Feuer wie das Wasser zur Erde. Weltweit brennen jährlich etwa 300 bis 350 Millionen Hektar Vegetationsflächen, von der Savanne Afrikas bis hin zu den Nadelwäldern der Taiga. Viele dieser Ökosysteme sind an regelmäßig auftretende Feuer angepasst. Manche brauchen gar die Flammen für ihre Erhaltung. Die Eukalyptuswälder in Australien oder auch die Kiefernwälder in Nordamerika  sind durch Brände geringer Intensität über die Jahrtausende überhaupt erst entstanden. Mithilfe kontrollierter Brände kann man verheerende Feuer im Zaum halten. Dabei wird alles, was bei Trockenheit zur Gefahr wird verbrannt. So entzieht man späteren Feuern den Nährboden. Die Australier betreiben dies schon seit den 50er Jahren. Das Problem ist nur, dass in vielen dieser Regionen nun Menschen wohnen – in Holzhäusern mit Vorgärten, die bei Trockenheit zu einer tödlichen Gefahr werden können.

 

Porträt Johann G. Goldammer 

Der 59-Jährige ist Professor für Feuerökologie an der Universität Freiburg. Seine Arbeitsgruppe, eine Unterabteilung des Max−Planck−Instituts für Chemie, dient den Vereinten Nationen als Global Fire Monitoring Center (Zentrum für Globale Feuerüberwachung) und ist damit weltweit die Instanz für Flächenbrände. Er berät Regierungen in Russland und Asien und erklärt, dass Brände manchmal das einzig Richtige sind – weil sie, in Maßen eingesetzt, vor unkontrollierbaren Feuerwalzen schützen


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