Die Verlockung des Feuers

Die Verlockung des Feuers
Warum es deutschen Forschern schwer fällt, die Bauern am Amazonas vom Brandroden abzubringen

Von Dirk Asendorpf
DIE ZEIT, 17. Dezember 2003


Der Sonnenuntergang am Mündungsdelta des Amazonas ist im November oft besonders farbenprächtig, der Himmel leuchtet intensiv rot bis violett. Was wunderschön aussieht, hat eine unschöne Ursache. Die kurze Trockenzeit im regenreichen Amazonas-Gebiet wird von den Kleinbauern hier allseits zur Brandrodung genutzt. Die Abgase verteilen sich in der Atmosphäre und brechen das Sonnenlicht in traumhaften Farben. Wo der rote Glutball am Horizont versinkt, steigen Dutzende Rauchsäulen auf. Jede steht für einen Bauern, der sein Feld für den nächsten Anbauzyklus vorbereitet. 

Zum Beispiel Pedro Alves Matoso. Wie in jedem Jahr hat der zierliche Mann mit dem grauen Schnauzbart wieder zum Streichholz gegriffen. „Feuer ist prima“, sagt er. Denn nach dem Abbrennen hat der Boden eine gute Qualität. Mais und später Maniok lassen sich leicht pflanzen, das Unkraut hält sich in Grenzen, und in der Asche steckt hinreichend Dünger. Über 25 Hektar Land verfügen Alves und seine Familie, immer nur zwei bis drei davon werden bepflanzt. Das genügt für die Selbstversorgung und wirft auch noch etwas Überschuss für den Markt ab.
Der Erlös reicht für die nötigen Einkäufe und ein bescheidenes Farmhaus. Zwei Jahre nach dem Brennen erntet Alves die letzten Maniokwurzeln, dann überlässt er das Feld sich selbst. In sechs Jahren entsteht ein zwei bis drei Meter hoher dichter Buschwald, der dann wieder gerodet und abgebrannt werden kann. Überall in den Tropen ist dieser Zyklus aus Feuer, Anbau und Brache verbreitet, schon vor 10000 Jahren haben ihn die Amazonasbewohner praktiziert. Auch in Deutschland war der Wanderfeldbau mit Brandrodung noch bis ins 18. Jahrhundert hinein üblich.

Inzwischen sind die Feuer jedoch ein globales Problem. Mehrere hundert Millionen Hektar Wald und Buschland gehen jedes Jahr in Flammen auf. Wird der Zyklus unter dem Druck zunehmender Bevölkerung beschleunigt, verarmen die Böden, der Ertrag sinkt. Der Rauch macht nicht nur krank, er steht auch im Verdacht, das Klima zu verändern und Ozon zu zerstören. Deshalb trafen sich im Oktober Vertreter von 50 Staaten und internationalen Organisationen in Sydney und forderten sofortige koordinierte Maßnahmen zur Vorbeugung und Verhinderung der Feuer. Schon ist die Rede von „UN-Rothelmen“ als internationale Feuerwehr.

Längst versuchen einige tropische Staaten mit Verboten, finanziellen Anreizen und strengerer Überwachung, das Abbrennen einzudämmen. In einigen brasilianischen Bundesstaaten ist die Brandrodung verboten, auf nationaler Ebene wird ein entsprechendes Gesetz diskutiert. Um es durchsetzen zu können, müssen den Kleinbauern überzeugende Alternativen angeboten werden. Weltweit suchen Agrarwissenschaftler danach – auch in Igarapé-Açu im Nordosten Brasiliens. Antônio Carlos de Melo Ferreira ist ein Nachbar von Pedro Alves Matoso. Vor zwei Jahren hat er aufgehört mit dem Brennen. Zwar betreibt er weiterhin Wanderfeldbau, doch die Brachevegetation beseitigt er nicht mehr mit Feuer, sondern mit einer Mulchmaschine. In einem einzigen Arbeitsgang schneidet und zerkleinert sie das dichte Buschwerk und verteilt die zerhäckselte Biomasse gleichmäßig auf dem Feld. Auch so ist es zum Pflanzen bereit.

Zwei Traktoren stehen deshalb jetzt auf de Melos Hof, beide gehören dem Forschungsprojekt „Tipitamba“. Mit zehn Millionen Euro vom deutschen Forschungsministerium und weiteren fünf Millionen vom brasilianischen Forschungsrat haben Wissenschaftler aus Deutschland und Brasilien in den vergangenen zwölf Jahren den Wanderfeldbau im nordöstlichen Amazonasgebiet bis ins kleinste Detail erforscht und mit dem maschinellen Mulchen eine praktikable Alternative zur Brandrodung entwickelt. 

Das Schreckensbild der Feuer ist ins Wanken geraten

Antônio de Melo ist begeistert. Um einen Hektar Land für das Brennen vorzubereiten, musste er sich vorher 20 Tage lang mit der foice, einer langstieligen Sichel, durch den Buschwald schlagen. „Das ist eine schlimme Knochenarbeit, und immer wieder wird man von Schlangen, Spinnen oder Wespen angegriffen“, sagt de Melo. „Arbeiter, die einem für bezahlbaren Lohn dabei helfen, sind kaum noch zu finden.“ Mit dem Traktor ist die gleiche Arbeit jetzt an einem halben Tag erledigt. Und der Ertrag ist auf dem gemulchten Acker sogar etwas besser als auf dem abgebrannten. Er lässt sich noch weiter steigern, wenn man nach der Ernte schnell wachsende Leguminosen-Bäume in die Brachevegetation pflanzt. Sie reichern Stickstoff an und verdoppeln die Biomasse. All das hat das deutsch-brasilianische Forschungsprojekt nachgewiesen, auf Versuchsfeldern demonstriert und in 50 Diplom- und 19 Doktorarbeiten dokumentiert. 

An einigen Stellen ist dabei das Schreckensbild der tropischen Feuer allerdings auch ins Wanken geraten. So konnten die Forscher keine Zerstörung der Böden durch die Brandrodung im Rahmen des Wanderfeldbaus nachweisen. Zwar entweichen beim Abbrennen innerhalb weniger Minuten 95 Prozent des Stickstoffs, 75 Prozent des Schwefels, die Hälfte des Kaliums, Phosphors und Kohlenstoffs in die Luft. Trotzdem ist die Asche ein weit besserer Dünger als der Mulch. Damit auf den feuerlos bestellten Äckern überhaupt etwas wächst, müssen sie mit Mineraldünger behandelt werden. 

Auch das klassische tropenökologische Modell, nach dem die Abholzung des Regenwaldes unweigerlich zu einer Verarmung des Bodens führt, ließ sich in der Praxis nicht bestätigen. In aufwändigen Untersuchungen haben die Forscher in Bächen und im Grundwasser nach ausgewaschenen Nährstoffen gefahndet – und nichts gefunden. Es zeigte sich, dass der Buschwald in der Brachezeit oft sogar tiefere Wurzeln schlägt als der ursprüngliche Regenwald. „Wanderfeldbau mit Brandrodung ist für die Kleinbauern dieser Gegend eigentlich das optimale System, um mit möglichst geringem Einsatz genug aus dem Boden herauszuholen“, gibt selbst der Biologe Manfred Denich zu, der das Tipitamba-Projekt am Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung leitet. Kein Wunder, dass sich die „Kultur des Brennens“ so fest verankert hat.

Bisher fehlen auch exakte Zahlen, welche Schäden Brandroder wie Alves in Brasilien und anderswo verursachen. „Wir arbeiten seit Jahren an einer globalen Feuerinventur, aber wir sind noch immer meilenweit davon entfernt“, sagt Johann Goldammer. Er leitet die Arbeitsgruppe Feuerökologie am Freiburger Max-Planck-Institut für Chemie und betreibt dort seit 1998 das Global Fire Monitoring Center, das im Auftrag der UN alle weltweit verfügbaren Informationen über Wald- und Buschbrände sammelt. Satellitendaten sind die wertvollste Quelle. Für die Erfassung und Bewertung aller Feuer reichen ihre grob aufgelösten Infrarotaufnahmen jedoch nicht aus. Den Feuerökologen Goldammer regt es auch nicht sonderlich auf, wenn 300000 Hektar Buschland und ein paar Villen in Südkalifornien in Flammen aufgehen. Das ist für ihn eher ein Medienspektakel. Eher besorgt ihn, dass in diesem Jahr 20 Millionen Hektar Wald und Steppe in Sibirien verbrannt sind, das Doppelte der gesamten deutschen Waldfläche.

Die stärksten globalen Auswirkungen haben aber wohl die permanenten Brandrodungen in den äquatornahen Regenwäldern. Auch das Feuer, das Pedro Alves Matoso auf seinem kleinen Feld entfacht, trägt zur globalen Klimaveränderung bei. In den ersten Minuten ist die Verbrennungshitze so groß, dass ein Teil der Abgase 18 Kilometer in die Höhe steigt. Dort reichern sich die Schadstoffe tropischer Feuer an, verteilen sich um den Äquator und reagieren schließlich mit der Ozonschicht. Der Bremer Umweltphysiker Justus Notholt hat mit einem Spektrometer an Bord des deutschen Forschungsschiffes Polarstern Verbrennungsrückstände aus den südamerikanischen Tropen mitten über dem Atlantik nachgewiesen. Was genau in der Ozonschicht passiert und wie groß der Effekt ist, „das wissen wir noch nicht“, sagt Notholt.

Vor der Wahl wurden Traktoren versprochen, die nie ankamen

Gewiss aber ist: Die tropischen Brände nehmen zu. Oft sind sie auch eine Folge des Raubbaus an Tropenhölzern. Ursprünglicher Regenwald ist zu feucht zum Brennen. Aber wenn die wertvollen Bäume mit ihren gewaltigen Blätterdächern gefällt sind, dann trocknet der Wald aus und kann sich entzünden. Manchmal unbeabsichtigt, öfter aber verschaffen sich Großfarmer so neue Weiden, Industrieunternehmen Bauland. Oder Landlose brennen sich ihren eigenen Acker frei.

Vor allem das Bevölkerungswachstum in der Amazonasregion und die dafür erforderliche Intensivierung der Landwirtschaft zwingen jetzt zum Umdenken. Von alleine wird es dazu allerdings nicht kommen, auch das hat das Tipitamba-Projekt erforscht. Für den einzelnen Kleinbauern lohnt sich der Abschied von der Brandrodung durch wachsende Erträge vielleicht langfristig, zunächst ist er jedoch teuer. Die Asche bekommt der Bauer für den Preis eines Streichholzes, Mineraldünger, das Pflanzen der Leguminosen-Bäume und der Diesel für den Traktor müssen dagegen bezahlt werden. Ganz abgesehen von der Anschaffung. Traktor und Mulchgerät kosten zusammen rund 150 000 Euro – zuviel für einen Kleinbauern. Von Kooperativen oder staatlicher Zuteilung der Geräte halten die Landbewohner nichts. Zu groß ist dabei die Gefahr von Abhängigkeit und Korruption. „Die Bauern sind schlau“, sagt Thomas Hurtienne, der die ökonomischen Aspekte im Tipitamba-Projekt erforscht. „Die Umstellung wird ohne öffentliche Förderung nicht funktionieren.“

Und die ist in Brasilien in Sicht. Proambiente („Für die Umwelt“) heißt das Programm, mit dem die neue Regierung unter Präsident Luiz Inácio da Silva Umweltdienstleistungen in der Landwirtschaft honorieren will. Wer biologische Produkte anbaut, keinen Regenwald abholzt und sich von der Brandrodung verabschiedet, soll günstige Kredite und einen Zuschuss in Höhe des halben Mindestlohns bekommen. Auch eine Zertifizierung für Agrarprodukte, die ohne Brandrodung erzeugt wurden, ist geplant. Allerdings glauben die Tipitamba-Forscher nicht, dass all dies eine schnelle Wirkung zeigen wird. „Ein, zwei Jahrzehnte“ könne es schon dauern, bis sich das Mulchen gegen das Brennen durchsetzt, schätzt Projektleiter Denich. Auch wenn die deutsche Beteiligung an Tipitamba jetzt im Dezember endet, könne man eine Lösung anbieten, die künftig von der brasilianischen Politik umgesetzt werden müsse. In den vergangenen zwölf Jahren habe sich „schon eine ganze Menge getan“, sagt Denich. „Nicht nur die Institutionen, selbst die Bauern auf dem Feld sind heute sensibilisiert und sagen, dass das Brennen eigentlich schlecht ist.“ 

Die Kleinbauern von Igarapé-Açu haben allerdings auch gelernt, an staatliche Förderprogramme erst dann zu glauben, wenn sie das Geld wirklich in der Hand haben. Wer einen Blick ins lokale Büro des staatlichen landwirtschaftlichen Beratungsdienstes wirft, versteht das sofort. Die Sekretärin klappert auf einer alten Schreibmaschine, verstaubte Prospekte von 1989 preisen die Vorteile des Trockenreisanbaus an, der sich längst als unwirtschaftlich erwiesen hat. Nur zwei Berater stehen für Hunderte Kleinbauern zur Verfügung. „Was kann man da schon machen?“, sagt ihr Chef Clif Eulálio und zuckt die Schultern.

„Vor der Wahl hat uns der Bürgermeister Traktoren versprochen“, sagt der Kleinbauer João de Sousa Barros, „angekommen sind sie nie.“ Von großen Ankündigungen hält er nichts, an das ökologische Engagement seiner Nachbarn mag er auch nicht glauben. Anstatt sich mit Mulchmaschinen und Kreditprogrammen herumzuschlagen, um vielleicht in ein paar Jahren einmal Gewinn zu erzielen, würden sie lieber beim Großbauern für den schnellen Lohn arbeiten, danach ihre Hängematte im Busch aufhängen und zugucken, wie das Unkraut wächst. Besonders Schlaue lassen sich von den Traktoren des Forschungsprojekts ein Feld roden und brennen dann den Mulch ab. „Das Brennen ist wie eine chronische Krankheit“, sagt de Sousa, „hat man sie sich erst mal eingefangen, wird man sie nur sehr schwer wieder los.“

Quelle: (c) DIE ZEIT 17.12.2003 Nr.52: http://www.zeit.de/2003/52/U-Feuer


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